Tief in der Nacht, tief im Wald, leuchtete eine andere Welt.

Ein Pfad führte in die Tiefe, das Leuchten war eine warme Einladung inmitten von Finsternis. Der Klang war kaum auszumachen, und doch. Da war etwas… noch etwas? Es war mehr als der Klang. Es war der Geruch. Der Duft von Blumen. Waren es überhaupt Blumen? Je weiter sie ging, desto mehr zog der Geruch sie noch weiter. Immer weiter. Sie folgte dem Pfad. Dem Licht. Dem Klang. Dem Duft. Sie wusste nicht, wohin sie ging, aber sie musste gehen. In die andere Welt.
Die andere Welt ließ sie nicht los. Sie verbrachte Stunden gefangen in Licht. Oder waren es sogar Tage? Das Leuchten hielt sie fest. Sie könnte gehen. Aber sie tat es nicht. Wie viel Zeit war vergangen? Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Die Erinnerung daran woher sie kam oder weshalb sie hier war, war nicht greifbar.
„Gefällt es dir hier?“
„Nein, gar nicht!“ wollte sie rufen, sagte aber nur „Hm.“

Sie könnte gehen. In ihrem Kopf wiederholte sie diesen Gedanken. Sie könnte gehen.
„Du kannst gehen, wenn du möchtest.“
„Ja, weiß ich.“ dachte sie und sagte aber nur „Hm.“
„Niemand hält dich.“
„Wo bin ich?“
„Wo du sein willst.“
„Was für eine bescheuerte Antwort!“, aber heraus kam nur „Hm.“
„Du bist gern hier.“
„Wie lange … ?“
„Immer schon.“
„Tage?“
„Jahre.“

„Was ist das hier? Wo bin ich?“
Einiges um sie herum kam ihr bekannt vor. Sogar vertraut. Dennoch war etwas falsch. Sehr falsch. So falsch, dass ihr Körper die ganze Zeit versuchte zu rennen. Sie unterdrückte es, aber die Bewegung wollte raus. Und so ging sie einen Schritt vor, einen zurück, einen vor, einen zurück. Sie drehte sich um die eigene Achse. Wo war die Stimme hin?
„Wo bin ich?“ rief sie lauter, als würde die unbekannte Stimme sie dann besser hören können. Aber eigentlich wusste sie nicht einmal woher die Stimme kam. War sie überhaupt weit? War sie überhaupt noch da?
„Hallo?“
Die Stimme hatte sie erschreckt, aber die Stille fraß sie von innen.
„Hallo?!“ Sie schrie.

„Du bist gern hier.“
„Was? Wo? Bin ich nicht!“
„Dann geh.“
„Wohin? Wie?“
Hatte sie tatsächlich so etwas albernes gefragt? Wie? Was sollte denn die Antwort auf „wie“ sein?
„Ich gehe.“
„Tust du nicht.“
Die Stimme hatte Recht. Sie bewegte sich zwar immer noch – einen Schritt vor, einen zurück – aber sie ging nicht. Warum ging sie nicht?!
„Ich kann nicht gehen!“
„Du willst nicht gehen.“
„Ich kann nicht!“ rief sie in den Wald.
„Du willst nicht.“ kam es zurück.
Sie versuchte sich in die Richtung der Stimme zu drehen, aber sie konnte die Richtung nicht ausmachen. Sie sah sich um. Wieder. Und wieder blieb sie an den leuchtenden, duftenden Blumen hängen. Sie waren wirklich schön.

Sie war genervt von ihren eigenen Schritten. Das Hin und Her war bescheuert. Bleib‘ stehen, sagte sie sich. „Bleibt stehen!“ sagte sie zu ihren Füßen und blickte dabei nach unten. Der Boden war pechschwarz. Und ihre Beine waren umgeben von dunklem Nebel. Sie schnappte nach Luft und hörte auf zu atmen. Jetzt bewegte sie sich tatsächlich nicht mehr.
Sie blickte wieder auf und schaute zu den Blumen, aber es waren nur Blumen. Sie dufteten überhaupt nicht. Sie leuchteten auch nicht. Und sie sahen nicht besonders aus. Sie atmete tief ein. Ihre Umgebung war hässlich. Der Nebel bedrohlich. Sie wurde ruhig.

Bedrohlich. Das war ein reflexhafter Gedanke, ein Wort in ihrem Kopf, aber es passte nicht zu ihrem Gefühl. Sie sah sich weiter um und fragte ganz ruhig in den Wald hinein:
„Wo bin ich?“
„Wo du sein willst.“
„Nein.“
„Gut.“
„Wie? Gut?“
Sie stand im Wald und atmete. Sie wartete und atmete. Sie sah sich um und atmete. Sie merkte, dass sie den Mund offen stehen hatte und schloss ihn.
„Ich gehe.“
Und diesmal ging sie.


Nachwort
Diese Kürzestgeschichte ist Stück für Stück zusammen mit den Gemälden entstanden. Für mich persönlich ist diese Reihe ein Meilenstein. Es ist der Beginn der Veröffentlichung meiner Kunst. Und hier vor allem meiner Wortkunst.
Ich habe immer geschrieben. Tagebücher, Notizen, Gedanken, Pläne und Geschichten. Dennoch habe ich sehr lange nicht in Erwägung gezogen meine Ideen öffentlich zu machen. Meine Geschichten in die Welt hinaus zu schicken. Jetzt tue ich das. Und diese Geschichte ist der Anfang.

Teil 1

Teil 2

